Wir schreiben das Jahr 2026. Oder 1984? Und welches Lebensgefühl prägte 1979? Das Linksradikale Kochbuch über Momente ohne Gewissheiten.
Das Jahr ist 25 Tage alt und sieht aus wie ein getretener Hund. Aber wir sollten den Kopf nicht in den Schnee stecken. Es gibt, über die Welt verteilt, eine unbesiegbare Armee. Menschen, die sich nicht darum scheren, ob etwas unmöglich ist, wo es doch wichtig und richtig ist. Menschen, die Regeln brechen, Träume nicht für Schäume halten und Hierarchien bestenfalls amüsant finden. Die auf verlorenem Posten sagen, „dann treten wir eben ’ne Delle ins Universum“ (Steve Jobs).

Das ist eine vage Aussicht, aber was macht das schon, wenn die Gewissheiten ohnehin schwinden. Alle bis auf eine: „Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht“, wird Leo Tolstoi zitiert (von dem ich bisher keine Zeile gelesen habe). Der Satz fällt in der Serie PONIES bei WOW. Die Geschichte spielt Ende der 1970er Jahre in Moskau, Hauptstadt der Sowjetunion. Aus heutiger Perspektive erscheint mir der sogenannte Kalte Krieg als wehmütige Erinnerung an – immerhin – eine Weltordnung und fast niedliche Bedrohung. Damals spürte ich Angst. Soviel zu den Gewissheiten.

Der Soundtrack spiegelt die Epoche: Folk-Rock, Ska, Punk, immer mal wippt der Fuß. Oft schimmert Rasputin von Boney M. (Frank Fabian, 1983) durch die Tonspur; das schießt mich jedesmal ins Jahr 1979, als mit Dschingis Khan (Ralph Siegel) ein weiterer exotischer Gruselmann in die Schlagerverwurstung geraten war. Ich war zu Besuch bei meinem Patenonkel in Aschheim bei München und durfte mit zum Eurovision Vorentscheid in der Rudi-Sedlmayer-Halle. Mein Patenonkel war vom Duisburger zum Bayern konvertiert und applaudierte frenetisch, als Franz-Josef Strauß als Ehrengast begrüßt wurde. Ich hielt den Onkel darauf hin für einen Verräter und FJS sowieso für den schlimmsten Politiker, der Deutschland passieren konnte. Soviel zu den Gewissheiten.

Das Leben ohne Gewissheiten ist kein Fluß, eher eine Bahnfahrt. Wir Verrückten lieben doch Überraschungen. Die Reise als Lotterie. Die Zeit als Variable. Das Ziel süß wie Ananas. Zu den wenigen Gewissheiten gehört, dass Frikadellen, Kartoffelmus, Erbsen und Wurzeln glücklich machen.

Ich wünsche allen eine schöne Woche.
Thomas Vöcks
































